Mittwoch, 19. Dezember 2012

Werkschau Christoph Schlingensief - Egomania – Insel ohne Hoffnung (D, 1986)

Eigentlich haben Sie bisher keinen Grund zur Klage, denn bis jetzt hatten wir in dieser Werkschau eigentlich ganz simple Themen behandelt: verrückte Filmwissenschaftler bei Tunguska und Vatermord bei Menu Total.

Bei Egomania - Insel ohne Hoffnung sieht das schon etwas anders aus:
Sally (Tilda Swinton) ist glücklich in ihrer Beziehung mit William (Uwe Fellensiek). Zusammen mit ihrem einzigen Kind leben sie in einer eisigen, menschenleeren Landschaft.
Menschen gibt es wahrscheinlich tatsächlich keine in dieser lebensfeindlichen Welt. Jedoch teilen sich Sally und William ihren Lebensraum mit einem geheimnisvollen Baron (Udo Kier) und seinen eigenartigen Begleiterinnen (Anna Fechter und Annastasia Kudelka). Bei näherem Hinsehen wird jedoch offenbar, dass es sich beim charmanten Baron wohl oder übel um die Tante Satans und bei den hysterischen Damen um Moiren-ähnliche Wesen handeln muss.
Baron Tante Teufel muss sich gleich mit mehreren Dämonen herumschlagen: zum Einen begehrt er die schöne Sally, zum Anderen die jüngere Moire Ria, welche ihn wiederum anstachelt, Sally zu demütigen, was diese allerdings an ihn binden soll. Klingt kompliziert? Ist es auch.
Denn bald ist Sally ohne Vater (umgebracht), Kind (entführt) und Liebhaber (durch Handauflegung lobotomiert) und, wie geplant, Tante Teufel gut gesonnen - jedoch nicht mit dem erhofften Ergebnis.
Letztendlich ist der Teufel an sich auch nur Mensch.
Oder ist der Mensch auch nur Teufel ? ! Nein, kein Fragezeichen.
Der Mensch ist Teufel. Und nur so wird er sich gerecht. Durch seine Dämonen.
Ein anderes Weltende wird es nicht geben.
Tilda Swinton und Udo Kier
Was bei Egomania spannend ist, kann man wohl nicht genau spezifizieren. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Dingen: da ist die mythologische Tragweite, die klaustrophobische (!) Atmosphäre in der völligen Weite der Hallig, die großartige schauspielerische Leistung von Kier, Fechter und Swinton (speziell Udo Kier, der wohl schönste Mann der Welt, spielt sich mit einer verachtenswerten Rolle um Kopf und Kragen - Egomania enthält die wohl bekannteste Schlingensief-Szene: den Kampf zwischen Kier und Swinton in der eiskalten Nordsee).
Aber vielleicht sind es auch die Zwischentöne, die einen so anrühren: vielleicht spürt man einfach gerade die positiven und negativen Spannungen, die im Entstehungsprozess dieses Film entstanden: die frisch knospende Liebe zwischen Schlingensief und Swinton, die Probleme, ein Team zusammenzustellen, der überraschende Eisregen, der fast zum Abbruch der Produktion führte, die Fast-Amputation beider Beine Tilda Swintons, das Heischen nach Aufmerksamkeit durch Udo Kier.

Es muss ein Mischprodukt aller dieser Faktoren gewesen sein.
Ein Mischprodukt verschiedener Dämonen.
Wieder ist Schlingensiefs Slogan "der Film als Trauma" rezent.
Ein Film, der durch seine Dämonen erst richtig aufgeladen wird.
Ein anderes Weltende wird es nicht geben.