Mittwoch, 13. Februar 2013

Kleiner Academy-Award-Führer 2013 - Bester Film Teil 1/3

Argo (B. Affleck, US)
 
Eine Nebenepisode der Iranischen Revolution 1979 ist Vorlage für einen der spannendsten Filme im Wettbewerb: sechs Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Teheran können dem, die Botschaft stürmenden, Mob der Schah-Gegner entkommen und finden bei den Kollegen aus Kanada Zuflucht. Ein amerikanischer Krisenspezialist (Affleck) inszeniert eine angebliche Filmproduktion um das "Filmteam" aus dem Land zu schleusen.
Ben Affleck schafft mit Argo das Ungeahnte (zumindest für Menschen mit Affleck-Aversion): er kreiert einen tatsächlich aufregenden Film. Der Wahnwitz der Rettungsaktion und die allmählich beim Zuschauer auftretende Paranoia tanzen gegen Ende des Films derart wilde Reigen, dass man sich fragen muss, ob es überhaupt eine weniger aufregende Kombination für einen spannenden Plot gäbe.
Gäbe es den kaum überraschend narzisstischen Schluss nicht, wäre Argo wohl mein Tipp für die goldene Trophäe.

Beasts of the Southern Wild (B. Zeitlinh, US)

Ich glaube kaum, dass auch nur irgendjemand aus der Jury diesen fragilen, wunderschönen Kampfbomber auf dem Radar hatte.
Ben Zeitlinh, bekannt durch seinen wunderbaren Kurzfilm Glory at Sea, befühlt das Loch im amerikanischen Leib, das Hurrican Katrina einst hineinriss und zwar nicht kühl-analytisch aus einiger Entfernung betrachtet, sondern lässt den kleinsten Teil der skurrilen Wohngemeinschaft Bathtub sprechen, fühlen, kämpfen, toben und weinen (!).
Weil die Auerochsen, gigantische Fabelwesen aus Urzeiten, drohen, die Badewanne zu zerstören, muss sich die kleine Hushpuppy (Q. Wallis) als selbstständig beweisen. Ihr Vater hustet manchmal schlimm und kann sich manchmal nicht beherrschen, sich tot zu stellen. Als der große Sturm kommt, muss man sich Schwimmflügel anziehen und abwarten. Und dann muss man sich eben gegen die Auerochsen wehren. Eben deshalb. Weil schon Hushpuppys Mama eine waschechte Krokodiljägerin war.
Bei Beasts of the Southern Wild stimmt fast alles zusammen: herzerwärmende Dialoge sind auf talentierte Laienschauspieler getrimmt, die Szenenbilder könnte man ausnahmslos abphotographieren und sich ins Zimmer hängen, die Musik ist wunderschön.
Ja, die Musik ist wirklich wunderbar. Doch genau dieser Punkt stößt mich ab: der Soundtrack von Regisseur Zeitlinh ist in derart ausgeklügelter Weise klimaktisch emotional, dass man sich wünscht, den Film noch einmal ohne die Audio-Manipulation sehen zu können. Musikalische Dezenz hätte diesen Film perfektioniert.


Django Unchained (Q. Tarantino, US)

So. Das soll er also sein: Tarantinos letzter Film. Entschuldigung, das war vielleicht nicht deutlich genug: Quentin Jerome Tarantinos LETZTER FILM. Der letzte Film eines Regisseurs, der - geschätzt - wohl die meisten Dialoge und WG-Wände benerdbrillter Studenten der ganzen westlichen Welt geprägt hat. Der letzte Film eines Regisseurs, der sich und das Kino per se jahrelang gefeiert hat. Was dazu führte, dass sich Jugendliche plötzlich wieder mit Filmen beschäftigten, für die sie vorher sehr wahrscheinlich nur Spott übrig gehabt hätten. Ergo: der letzte Film eines popkulturellen Lehrmeisters einer breiten Masse von westlichen Popcornessern, die tief bis in den Mainstream hineinragt.
Ich brauche nicht zu erwähnen, wie wichtig popkulturelle Bildung ist, aber daraus ergibt sich der Stellenwert eines Tarantino-Films.
Nun also ein echter Western. Wer Tarantinos Œuvre kennt, wird wissen, wie oft er mit dem Genre kokettiert hat, wie häufig Morricone verwendet wurde und wie spaghettiwestern die Kamera geführt wurde. Deshalb ist es nur einleuchtend, sich nun dem Genre noch einmal mit vollem Ehrgeiz zu widmen.
Dr. King Schultz (C. Waltz) ist Kopfgeldjäger und befreit Django (J. Foxx) aus der Gefangenschaft, weil dieser das Erscheinungsbild seiner nächsten Beute kennt. Sehr zum Nachteil der Beute. Zum Zeichen seines Dankes hilft Schultz seinem neuen Kollegen, dessen Frau Broomhilda (K. Washington) aus den Händen des Plantagenbesitzers Candie (L. DiCaprio) zu befreien. 
Django Unchained macht dem Zuschauer Angst. Sehr oft. Weil der amerikanische Mensch des 19. Jahrhunderts den afrikanischen Menschen des 19. Jahrhunderts zum Tier macht. Und der Mensch an sich hält sich Tiere nicht, weil er sie für ebenbürtig hält, sondern, weil sie nützen. Auf dem Feld zum Beispiel. Oder zum Kämpfen. Oder der Prestige wegen. 
Tarantino soll gesagt haben, dass das Amerika aus Django Unchained an Deutschland aus Inglourious Basterds (US/D, 2009) erinnern soll. Vielleicht macht der Film deshalb beklommen.
Doch ebenso macht er Spaß. Er ist gespickt von schauspielerischen Glanzleistungen (Gratulation an DiCaprio, der endgültig bewiesen hat, dass er bevorzugt anspruchsvolle Rollen beherrscht), stimmige Szenebilder und natürlich befriedigend tarantinöse Dialoge und Gewaltdarstellungen.
Ganz an Sergio Corbuccis Vorlage Django (Italien, 1966) angelehnt, spielt der Bodycount eine große Rolle zur Definition der Heldenhaftigkeit des Helden. Zwar hat Tarantino die berühmte Ohren-Szene schon in Reservoir Dogs (1992) zitiert, doch Tarantino steht, genau wie Corbucci, für kontrollierten, aber ausreichend makabren, Splatter. Und darum liegt der arme Johnny wahrscheinlich noch heute in Calvin Candies Hausflur und schimpft, weil in seinem bösen Knie unzählige Pistolenkugeln verschwinden. 
Tarantino ist sich mit Django Unchained treu geblieben. Er ist sich vielleicht sogar näher gekommen.
Man möchte sich eigentlich gar nicht vorstellen, wohin Tarantinos Lebensweg führen mag, wenn er nicht auf Zelluloid beschritten wird. Man tut es dann doch und sieht eigentlich wieder nur Zelluloid.
Quentin, mach kein' Scheiß!