Freitag, 30. November 2012

Werkschau Christoph Schlingensief - Menu Total (D, 1985/86)

Der zweite Film, Menu Total, war mein erster Kontakt mit Christoph Schlingensief.
Damals, ich muss so 16 Jahre alt gewesen sein, ließ ich mich von der DVD-Beschriftung "mit: Helge Schneider" beeindrucken und kaufte blind ein.
Meine erste Reaktion könnte man mit "blankem Entsetzen" umschreiben. Ich erkannte den trockenen Jazz Schneiders, die dazu gelieferten Bilder konnte ich jedoch nicht einordnen. Nach 25-30 Minuten Film ergab sich bei jedoch mir ein Gefühl von Verständnis, ja, selbst ein Gefühl des Genusses stellte sich ein. Meine Freude am Konfliktfilm war geboren. Helge hatte mich dazu überredet, Alfred Edel die Leibesertüchtigung geleistet und Christoph Schlingensief dabei die Hebamme gespielt.

Zur Handlung (sofern ich das verstanden hab):
Joe (Helge Schneider) hat es nicht leicht: sein Vater (Joe Bausch, ja, derselbige) missbraucht ihn und seine tetraplegische Mutter regelmäßig, seine Großeltern (u.a. Anna Fechter) handeln mit obskurem, pulsierendem (Menschen?-) Fleisch und seine Freundin Evi (Volker Bertzky, der, wie immer, mit struppigem Vollbart spielt,) geht fremd. Joe rebelliert gegen diese Welt und wird zu Dr. de Pen (Dietrich Kuhlbrodt) überstellt, welcher sogleich, gemeinsam mit Kollegen Cuca (Alfred Edel) abstrakte Versuche an ihm durchführt.
Ganz klar: Joe wird größenwahnsinnig, redet nur noch im Stil des Führers, rettet Evi und bringt die ganze, verkommene Familie um. Sind eh alles Nazizombies mit Gammelfleisch-Fetisch.
Letztendlich: Happy End!

Zum zweiten Mal und wie so oft auch in den folgenden Filmen darf man die schauspielerische Leistung Alfred Edels loben. Mit solchem Körpereinsatz haben sich die wenigsten renommierten Schauspieler in mein Gedächtnis gekotzt. Als nicht ganz so stark wie Edel erachte ich die Leistung des erstmalig auftretenden Dietrich Kuhlbrodts, welcher allerdings in nachfolgenden Werken seine Stärken zeigen wird.

Was an Menu Total so beeindruckt ist die intensive Behandlung der etlichen Komplexe, die dem jungen Schlingensief hier beachtenswert erscheinen: Nazi-Vergangenheit und Krieg, Jugendwahn, deutsches Kino, Kannibalismus, etc. Selbst die bürgerliche Nachkriegs-Dekadenz geht nicht unbefangen aus diesem deutschen Unsittengemälde hervor.

Vater Schlingensief war bei der Premiere tief erschüttert. Und Wim Wenders hat nicht mal eine Viertel Stunde ausgehalten. Trotzdem ists wohl einer von Schlingensiefs Besten.
Einfach, weil er's wagt.


Sonntag, 25. November 2012

Werkschau Christoph Schlingensief - Tunguska – Die Kisten sind da (D, 1984)

Der durch Sibirien führende Fluss Tunguska, um genauer zu sein die steinige Tunguska, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schauplatz einer Reihe mysteriöser Explosionen, deren Ursprung und Hergang bis heute ungeklärt ist. Schlingensiefs Debütfilm "Tunguska - Die Kisten sind da" ist deshalb vielleicht auch entsprechend gut betitelt, denn hier knallt es ebenfalls und zischt - und verraucht letztendlich in der Eiswüste.

Rolf (Matthias Colli) und Tina (Irene Fischer, bekannt aus der Lindenstraße) sind ein junges Paar auf der Reise durch Norwegen. Als ihnen ein mysteriöser Tankwart (wie immer hysterisch: Volker Bertzky aka. Sergej Gleithmann) Benzin verweigert, beginnt die Odyssee der Beiden: sie übernachten bei einem traumatisierten Waisenkind (Norbert Schliewe), welcher, zusammen mit seiner Eule, den örtlichen Seelsorger und Major Pater Hilf (Christoph Schlingensief) mit seinem Auto überfährt.
Geschockt verlassen Rolf und Tina die Gegend, nur um von einer Forschergruppe aufgenommen zu werden. Mangels Benzin bleibt es bei der Notlösung: man wird Teil eines Experiments und hilft, wo man kann.
Bei den dreien handelt es sich um Filmforscher. Und die Frage nach der Befindlichkeit des Menschen wird beantwortet, indem man Eingeborene (das Waisenkind Norbert kommt da leider nur zu gelegen) zum Wahnsinn foltert. Und zwar mit deutscher Avantgarde.
Ein Entkommen: unmöglich. Eine Lösung: gibt es nicht.

Wahrscheinlich ist, dass beim Fertigstellen von Tunguska eine große deutsche Filmvergangenheit bewältigt werden sollte: der Heimatfilm, der politische, zuweilen ideologische Film, selbst das abstrakte Dadaismus-Kino werden allesamt aufs Korn genommen. Das Forscherteam, bestehend aus Anna Fechter, dem großartigen Alfred Edel und der kuhlbrodteske Vladimir Konetzny, sieht sich als Bastion des europäischen Intellektualismus und quält den unwissenden Pechvogel. Dies ist, so Schlingensief im Interviewfilm von Frieder Schlaich (2004), ein Seitenhieb gegen den Elitarismus-Gedanken der Avantgarde-Szene rund im Werner Nekes. Einen Chauvinismus, der es nicht zuließ, eine Geschichte angemessen zu erzählen. Und dementsprechend zerstörerisch ist dann auch der Avantgardefilm, mit dem Norbert gequält wird. So zerstörerisch, dass nicht einmal das Material es erträgt. Immer wieder und immer öfter: brennende Filmstreifen, Kratzer im Bild, Bildsprünge, kreischende Tonspuren. Die Dekonstruktion des deutschen Kinos hat sich selbst herbeigeführt. Sie ist geboren aus jahrelangem cineastischem Unsinn und elitärer Soße.
Schlingensief hat für diesen Punkt im Zeitstrahl der deutschen Filmgeschichte ein Konzept, einen Namen gefunden.
Für ihn ist es der "Film als Neurose."

Tunguska stellt den großartigen Beginn einer Filmographie dar, die in der deutschen Kinokultur dasteht wie keine andere.

Beginn der Werkschau Christoph Schlingensief

An dieser Stelle möchte ich Christoph Schlingensief mit Rezensionen seiner Dokumentationen und Kurz- und Langspielfilme ein kleines Denkmal setzen.
Schlingensiefs narratorische und Regie-Arbeit stehen in der deutschen Filmlandschaft für sich:
verquere, weil symptomatische, Charaktere, zeitgenössische Diskurse, eine ungeschönte Matrix, auf welcher er unsere Welt abbildet. Und in allem steckt viel Verbissenheit und ein absoluter Drang zur Suche nach absoluter Wahrheit.
Die Rezensionen sollen versuchen, einen Schlüssel zum Werk Schlingensiefs zu geben und im besten Fall anregend sein, sich selbst einmal mit den Filmen und Ideen des Oberhausener Querdenkers zu beschäftigen.

(Bildquelle: filmgalerie451)

Samstag, 17. November 2012

Stephen King Double Feature (Kabel 1): Thinner - Der Fluch (US, 1996) / Schlafwandler (US, 1992)


Wer behauptet, über die Feiertage käme nix gescheites im TeVau, dem gehört eine gescheuert. Über ein schlechtes Osterprogramm konnte man sich wahrlich nicht beschweren in diesem Jahr.
Da reihten sich der vierte Teil von Harry Potter und diverse Disney-Evergreens an die Literaturverfilmung von Schlafes Bruder und diese an den Öl-Bombast There will be Blood, welcher wiederum dem eher mittelmäßigen James Bond: Ein Quantum Dings die Klinke in die Hand gab.
Gekrönt wurde das Festprogramm mit der Cash-Biographie Walk the Line.

Die Fernsehsender haben sich also wieder einmal gegenseitig übertroffen und Quotenmagneten eingekauft, einer größer und sensationeller als der andere.

Drum sei es dem Kabel1-Programmchef vergönnt, auf eher schmutzige, kleine Filmchen zurückzugreifen (klar, denn das Geld is wegen Knockin on Heavens Door, Samstag, 20.15 Uhr, längst weg!), jedoch, wenn es schon damit nicht weit her ist, mit einem großen Namen zu locken.

Also gut, nehmen wir zwei Stephen-King-Verfilmungen. Warum nicht?

Naja, vielleicht, weil Sat.1 mit Dreamcatcher bereits am Freitag schon einen King gebracht hat?
Nicht zu vergessen die Wiederholung am Samstag...

Egal. Dann eben nicht Dreamcatcher. Lieber was Altes.

Wie wärs mit Carrie? Ach, nein, der kam erst vor wenigen Tagen, das lassen wir lieber. Hm, Friedhof der Kuscheltiere passt eher zu Halloween...

Ach, klar: die Fastenzeit ist zu Ende, die ganzen runtergemagerten Menschen können sich jetzt wieder vollfressen, perfekter Bezug zu Thinner - Der Fluch!

Ein Fluch ist die Fastenzeit ja schon.

Einen Fluch bekommt auch der übergewichtige Bill von einem alten Zigeuner (!) angehängt, nachdem er dessen Tochter überfährt.
Eindeutig stigmatisierend (passt auch wieder!) ist dieses Schauerstück aus der Feder von Richard Bachman aka. Stephen King und aus der Regie von Tom Holland, dessen Namen man sich nicht merken muss, es sei denn man fand schon Chucky die Mörderpuppe gut.

Würg. Naja, dann betreten wir eben mit dem zweiten Film ein ganz anderes Genre: und zwar Fantasy!!

Mick Garris (passionierter King-Verfilmer, gähn) hat sich eine unveröffentlichte Geschichte von Stephen King geschnappt und diese niemals romanfähige Story von einem inzestuösen Verhältnis einer Mutter, die eigentlich ein Katzenmonster mit Superkräften ist und Jungfrauen-Energie zum Überleben braucht zu ihrem Sohn, der eigentlich auch ein Katzenmonster mit Superkräften ist und Jungfrauen für Mama ankarren muss.

(Natürlich alles mit Kennenlernen und so, klar. Kein Girlie lässt sich einfach so in der Disco abschleppen und dann von der Mama vom Stecher totsaugen, also bitte.

Aber klar, dass bei dieser zeitaufwändigen Essensbeschaffung die Mutter ungefähr drei Viertel des Filmes schreien muss: "Ich vergeeeeeeeeeheeeeeeee!". Am Schluss hat man sogar Verständnis für die hungrige Mutti... die den Leckerbissen Jungfrau dann aber plötzlich doch lieber großherzig ihrem halbtoten Sohn überlässt... da hört das Verständnis schon wieder auf.)

Ach ja, hab ich erwähnt, dass Katzenmonstermütter und -söhne Angst vor echten Katzen haben? Nein? Is aber logisch, oder?

So. Diese Story hat Garris mit ein bisschen CGI erst zu einem miserablen Spielfilm aufgepumpt, sie mit stellenweise ganz okayer Besetzung festgetackert und alles mit schlechten Dialogen wieder kaputt gemacht. Beispiel: Polizist bekommt Bleistift vom Katzenmonstersohn in den Kopf gerammt, Jungfrau, die wegrennen sollte sagt nur "Gibts doch nicht."

Glücklicherweise hat Garris aber eines goldrichtig gemacht:
mit der Figur des Sheriffs Andy Simpson hat er einen originären King-Charakter in all seiner unbestechlichen Echtheit beibehalten und wer schon einmal einen King-Roman wie ES gewälzt hat, der weiß, wovon ich spreche.

Die Ambivalenz des lebensfrohen aber schrecklich einsamen, afroamerikanischen Sheriffs, der seine Katze Clovis mit zur Arbeit nimmt, um Jemanden zum Reden zu haben, ist viel interessanter als all die Spezialeffekte, viel viel interessanter als die leider nicht mehr nur latente Erotik zwischen den Katzenmonsterfamilienmitglieder, und viiel viel viel interessanter als die mythische Klamotte, die King seinen Lesern dann wohl doch nicht antun und die Garris der Menschheit dann doch unter die Nase reiben wollte, nur Gott weiß, warum.

Überhaupt stellt die Figur des Katzenliebhabers und Gesetzeshüters Simpson die einzige vieldimensionale Figur in Schlafwandler dar und man leidet mit ihm, als er auf unrühmliche Weise aus dem Leben und *schnüff* dieser Geschichte scheiden muss.

Das ist schon der einzige Punkt im Film, an dem man wünscht, näher am Geschehen beteiligt zu sein: man möchte des Sheriffs fortan herrenlose Katze Clovis im Kampf gegen die Inzestkatzenmonstermenschen unterstützen. Man jubelt mit ihr und ihrer Echtkatzenarmee, als es gelingt.
Und dann ist auch klar: der kleine Clovis rächt im Showdown des Films quasi Stephen King höchstselbst, er greift nämlich das Monster Unoriginalität an. Dessen Maske besteht aus CGI. Und dahinter steckt nichts als grenzenlose Ideenlosigkeit.


Freitag, 16. November 2012

Taxi Driver (US, 1976)

Ich weiß, ich weiß: Taxi Driver gehört zu den Filmen, die man gesehen haben muss.
Und, ja, hiermit gebe ich zu, ich war bis vor kurzem von diesem Stück Filmgeschichte unberührt geblieben.

Also gut, Film ausgeliehen, angeguckt. Paff.

Nungut, die Handlung: Travis Bickle (Robert de Niro) ist ein junger, insomnischer Mann, der sich die Nächte durch mit Taxifahren die Portokasse aufbessert.
Doch Travis hat in den Jahren verlernt, mit Problemen umzugehen, verhält sich im Umgang mit Frauen seltsam und verschreckt so die meisten, mit denen er zu tun hat.
Bis er auf Iris (Jodie Foster) trifft, eine zwölfjährige Prostituierte. Von ihrem Schicksal und der Kriminalität seiner Heimat Manhattan zunehmend schockiert, beschließt er, etwas gegen die Boshaftigkeit der Menschen zu unternehmen, da er das Vertrauen in Politik und gesunden Menschenverstand verloren hat.

Doch vielmehr verliert Travis den Verstand:
Er, ein Ex-Marine, rüstet sich mit einem mittelgroßen Waffenarsenal aus, baut und bastelt und begibt sich in den Kampf gegen das Verbrechen.
Zunächst hält er den Präsidentschaftskandidat Palantine für den Grund allen Übels, doch sein Attentat missglückt.
Also muss der Zuhälter (Harvey Keitel) von Iris hinhalten. Und die ganze Zuhälterschar. Inklusive Stammkundschaft aus dem Mafiamilieu.

Ein Blutbad später steht der todessehnsüchtige Travis plötzlich als Held der Nation da, Zeitungen berichten von ihm, Iris' Eltern danken ihm von Herzen für die Errettung ihrer Tochter.

Martin Scorsese hat mit Taxi Driver einen Film mit unvergesslichen Bildern geschaffen. Auch das Drehbuch und die Dialogreihen sind hervorzuheben.

Travis kann den Hass auf den Straßen nicht ertragen. Das ist zu viel für den harten Ex-Marine, der doch nur ein kleiner Bub ist, der Ungerechtigkeiten nicht ertragen will und Cowboy spielen will. (Hinweis: die weltberühmte "You talkin' to me?"-Szene beweist das)

Und seine Schlaflosigkeit stachelt ihn noch an, denn er kann sich dem ganzen nicht entziehen.

Travis vollbringt mit seiner ungewollten, guten Tat einen Ausbruch aus seinem bisherigen Leben. Er will endlich wieder etwas tun, das Rumsitzen und Nichts-Tun-Können frisst ihn auf.
Ein Aufstand, wie er ihn tut, heilt ihn und die Welt.

Ist Taxi Driver also ein Appell an jeden Erdenbürger, der nicht zuschauen will, wie täglich Raub, Prostitution und Mord auf der Welt existieren?
Wohl eher nicht. Denn als Iris' Rächer wächst Travis über sich hinaus und wird zum Übermenschen: er kann nicht sterben.

Der Film bleibt einem lange im Hinterkopf als ein eindrucksvolles Portrait einer kaputten Welt und der orientierungslosen Bevölkerung, die sie produziert.

Und in der Tat: gesehen haben muss man ihn.

Donnerstag, 15. November 2012

Blood Simple (US, 1984)

Wenn man sich zu der Coen-Brüder-Fangemeinde zählt, kann man sich nicht beklagen, denn Joel und Ethan Coen schaffen es wie kaum ein anderer Regisseur, immer und immer wieder den Zuschauer dort abzuholen, wo er steckt: in der Ödnis, die sich "Realität" nennt. Aber warum?

Mit dieser Frage sollte man sich spätestens nach "Fargo"(1996) auseinandergesetzt haben, aber lieber vielleicht noch mit dem Erstlingswerk.

Die Handlung ist schnell erklärt und doch nicht.

Abby verlässt ihren Mann Marty und beginnt eine Liebesbeziehung mit Ray, einem Mitarbeiter in der Bar ihres Mannes. Marty heuert einen Privatdetektiv an, der die beiden für 10.000$ elegant um die Ecke bringen soll.
Mit gefälschten Beweisphotos kreuzt der Detektiv bei Marty auf, kassiert das Geld und erschießt Marty mit Abbys Revolver. Aus lauter Selbstsicherheit vergisst er sein Feuerzeug am Tatort.
Ray entdeckt den erschossenen Marty und Abbys Revolver und glaubt natürlich, dass sie die Mörderin des ungeliebten Tyrannen sei. Er lässt den nicht ganz so toten Marty aus Liebe zu Abby verschwinden und zieht somit die Angst des Privatdetektiven, erwischt zu werden, auf sich und Abby.

"Blood Simple" hat als grandioses Debut der Meister des Makabren schon alles, was "Fargo", "The Big Lebowski"(1998) oder "A Serious Man"(2009) zu solchen unvergesslichen Filmen macht: liebenswürdige Charaktere, eine unerhörte Begebenheit und die unvergleichliche Macht des menschlichen Missverständnisses (und dabei geht es nicht nur um das Missverständnis von Menschen untereinander sondern eher das Misverständnis menschlichen Zusammenlebens).

Speziell bei "Blood Simple" hat der Zuschauer die besondere Rolle, alles im Voraus zu wissen. Und der Zuschauer schmunzelt über das Missverständnis, er grübelt über das Verhalten der Protagonisten und er hält sich die Augen zu, wenn Ray einen riesigen Fehler begeht. Oder Marty. Oder Abby. Oder Ray schon wieder.

Auch mit dem tyrannischen Marty und seiner Unfähigkeit sich zu artikulieren (und zwar einerseits seine Wut auf Ray und Abby und andererseits physisch in seiner letzten Szene, wenn er den Irrtum aufdecken könnte) fühlt man mit. Weil man erkennt, dass er den Despoten im Blut hat. Er kann nicht anders, schmeißt mit Geld um sich und wundert sich, dass er das Nachsehen hat. Ein schusseliger Schurke, das gibt es nur bei Ethan und Joel. Und dann merkt man auch, dass er nicht der Schurke ist. Vielmehr ist es der Detektiv.
Und wenn es nach den Coen-Brüdern ging, würden sie wohl sagen: der wahre Schurke des Films ist das Geld, das er dem Detektiv anbietet. Und Geld generell.

Von filmischen Kniffen behalten sich die Coens nur das Nötigste vor: ein paar mühsam eingefügte Magic Cuts waren wohl das nötige Soll, um international anerkannt zu werden. Nein, darum geht es diesen Filmemachern nicht.

Im Gegenteil: sie entlarven sogar noch die Medien als Fälschung der Realität und vielleicht, und das wäre noch interessanter, als Katalysator für Gewalt.

Schließlich führen erst die gefälschten Beweisphotos zur Tötung von Marty. Zwar durch den Schaffer der Medien selbst, aber das macht die Betrachtung nicht minder brisant.

Abschließend gilt es noch, eine "Warnung" für Coen-Neulinge auszusprechen:

"Blood Simple" ist oftmals fast unerträglich makaber, zum Ende hin beinahe schmerzhaft spannend und von vorne bis hinten Anlass für den Zuschauer, aufzustehen und zu rufen: "MACHS NED, DU DEPP!"

Für Coen-Fans jedoch ist gerade das der Grund, "Blood Simple" zu lieben.

Lawrence von Arabien (UK, 1962)

Restauriert und extra lang. Alles in allem sitze ich 218 Minuten an diesem Prachtwerk.

Soldat Thomas Edward Lawrence, britischer Milchbub, wird während des 1. Weltkriegs in die Wüste verfeuert, eigentlich nur, um einen Beduinenscheich zu finden und auszuhorchen. Als Lawrence ankommt, findet er jedoch seine Bestimmung darin, die vielen arabischen Stämme, die sich gegenseitig abgrundtief verachten und nicht einmal das Wasser zum Überleben gönnen, zu einem großen arabischen Volk zusammenzuführen und gegen Besatzungsmächte zu verteidigen.

Ein Freiheitskämpfer? Ein Che Guevara?
Zumindest gebärdet er sich wie der Messias für den dreckigen Haufen, wie die britischen "Befreier" das gesamtarabische Volk liebevoll nennen. Der dreckige Haufen nimmt ihn zumindest, dankbar für seine Tapferkeit, unter seinen Reihen auf. Er ist el Awrence!

Letztendlich ist der blonde Schönling für den Aufstand der Araber nur eine Galleonsfigur, ein nichtssagender, zivilistenabschlachtender Blender, der am Ende dieses Abenteuers nicht nur desillusioniert ist, sondern auch entwurzelt. Kein Engländer, kein Araber. Nicht seinem Vater, nicht seinen Idealen, nicht der englischen Krone, nicht der arabischen Revolution gerecht werdend. Ein Idealist in einem leeren Parlament.

Er schafft zuletzt alles. Und scheitert daran.

Ein Film, furchtbar lang, furchtbar schlau und furchtbar wahr.

Wenn Gott nicht wollte, dass Krieg existiert, dann hätte er ihn nicht erschaffen.

Montag, 12. November 2012

Om-dar-ba-dar (1988)

Wow. Ein echter Trip. 
Wer über die sprachliche Barriere hinwegkommen kann (danke, Soumya!), der wird sich wundern, warum er dennoch nichts versteht.

Die Handlung: der junge Om wächst in der kleinen Pilgerstadt Pushkar auf. Sein Vater, ein Beamter, hatte seine Stelle aufgegeben und war Hobby-Astrologe geworden. Dummerweise stellt er fest, dass sein Sohn in seinem 17. Lebensjahr sterben würde. Deshalb erhält er den bedeutungsschwangeren Namen Om (die Gebetssilbe im Hinduismus), um diesem Schicksal zu entrinnen.
Wir erleben die Jugend von Om als ereignisreich: im Unterricht tanzt man zu Liedern von Kaulquappen, die keine Frösche werden möchten, seine große Schwester möchte im Männerbereich des Kinos sitzen und muss sich ab sofort der Annäherungsversuche der ganzen männlichen Bevölkerung erwehren. Die meisten Chancen hat ein Freizeitpoet, der Sonnenuntergänge mit Kautabak-Schleim vergleicht. Die Frösche, die ein Schüler für den Biologieunterricht in der Klasse einsammelt, haben bei der Obduktion einen Diamanten im Bauch, weshalb die Hatz auf örtliche Amphibien eröffnet wird. Oms Nase verschlingt alle Worte aus dem Schulbuch, weshalb er mit seinen Taucherflossen in den Tempelteich umzieht. Grund genug für seinen Vater, von einer berühmten Schauspielerin einen Beschwerdebrief über die Sprunghaftigkeit seines Sohnes an den Ministerpräsidenten aufsetzen zu lassen, welcher sich daraufhin ankündigt, die Verwandlung Oms in einen Frosch zu besichtigen. Alle Filmteams des Landes kommen und drehen Werbespots für Zahnpasta. Gleichzeitig landet Neil Armstrong auf dem Mond. 
Das Radio kommentiert dazu: Der erste Mann im All war Juri Gagarin. Er liebt Indien sehr.

Kamal Swaroops einziger Film arbeitet mit vielen, starken Symbolen, performativen Dialogreihen, visionsähnlichen Szenenbildern und einer ansehnlichen Schauspielerriege. Om-dar-ba-dar (etwa: Om hier und dort) ist ein wunderbarer Film über das Erwachsenwerden und -nichtwollen, über Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Und letztendlich ein Film über die kulturelle und religiöse Ambivalenz Indiens. 
Ein starkes Stück Film aus einem interessanten Land.

Dienstag, 6. November 2012

Short Cuts (US, 1993)

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine Woche lang am Leben eines Menschen teilhaben. Am ganzen Leben. Dem Glamour und den Episoden, die man sich nicht ins Familienalbum kleben möchte.
Was würden Sie in Erfahrung bringen? Geldsorgen, Alkoholismus, Seitensprünge. Ab und zu einen Erfolg bei der Arbeit.
Und jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie nicht nur eine Person beobachten können, sondern mehrere. Sie machen eine Woche Ups und Downs durch mit, sagen wir, 15 Personen.

Genau das ist Robert Altmans Short Cuts: eine praktische Verhaltensstudie einzelner durchschnittlicher Individuen der nordamerikanischen Gesellschaft Anfang der 1990er Jahre.

Das Interessante dabei ist nicht, dass alle Beobachtungsobjekte durch irgendwelche Ecken miteinander verwandt/bekannt/verschwägert/geschieden/verliebt/verhasst/Angelfreunde sind, sondern wie sehr sich die unterschiedlichen Krisen ähneln, die sich in Jedermanns Leben abspielen. Zwar spielt sich jedes Drama auf einem anderen Gebiet ab. Auch ist so mancher Streitpunkt gegen Ende des Films fast schon aus der Welt geschafft. Das Erschreckende ist dabei, zu merken, dass sich jeder um seine eigene Baustelle kümmern und somit davon ausgehen muss, dass dafür gerade der Cousin/die Schwester/der Angelfreund ins Inferno schlittert.

Am Ende kumulieren die verschiedenen Komplexe der 90er Gesellschaft in Los Angeles in einer großen Apokalypse, die sich in einem mittelgroßen Erdbeben versinnbildlicht. Und dass dieses Erdbeben aus ein wenig zwischenmenschlicher Seismik entstanden ist und dann doch Menschenleben fordert, das ist der Terror von Short Cuts.


P.S.: Eigentlich wollte ich das Eindeutige nicht aussprechen, aber: die Besetzung ist nur eines: perfekt!

Der freie Wille (D, 2006)

“Der freie Wille” wird nicht jeden Zuschauer befriedigen und das sei wörtlich gemeint.
Dieser Film macht einem Mühe, nicht auszuschalten.

Zum einen stößt dem Zuschauer die grobe Machart des Filmes auf:
die erdigen Farben, das grobkörnige Bild, die unverfrorene Art Gewalt zu zeigen.

Weiter sieht man Jürgen Vogel in einer der mutigsten und vielleicht unattraktivsten Rollen seines Lebens: der Vergewaltiger, der im wahren Leben fernab der Therapien und Theorien nicht zurechtkommt. Der sich noch immer nach dem befreienden Erlebnis der Vergewaltigung zurücksehnt, selbst, als er eine Liaison mit der Tochter seines Chefs beginnt.

Und schließlich kommt der Zuschauer nicht mit der Moral des Films zurecht. Der Moral des hilflosen, harmlosen Straftäters, der doch gar nichts dafür kann, wieder und immer wieder zu vergewaltigen.

Was will Glasner mit seinem fast dreistündigen Porträt aussagen? Will er den Akt der sexuellen Gewalt verharmlosen? Sicher nicht. Doch zumindest zeigt er sich empathisch für den Protagonisten, wenn er ihn seinem Schicksal zuführt. Doch allein ein prognostischer Film mag es kaum sein, ein Film der erklärt, wieso es beispielsweise in Deutschland immer und immer wieder zu Rückfällen von Straftätern kommt. Dafür ist er zu komplex, zu starr.

Lässt man die Frage nach dem weshalb zurück, bleiben letztendlich nur mulmige Gefühle, Anerkennung für die Hauptdarsteller und (leider) Skepsis mit dem Regisseur.
Und das ist recht wenig für so ein wichtiges Thema.

Montag, 5. November 2012

Antichrist (DK, 2009)

Lars von Trier hat mit seinem “Therapiefilm” nicht nur seine Depression verarbeitet, sondern auch ein Filmerlebnis der besonderen Art geschaffen:

Ich habe selten einen Film gesehen, der zugleich so schön und so schrecklich war:
Dafoe und Gainsbourg mimen ein Paar in einer Krise, nämlich dem Tod ihres Kindes, aber eigentlich sind sie das Paar schlechthin. Sie sind Mann und Frau, alle Männlichkeit und alle Weiblichkeit der Welt. Adam und Eva.

Und von Trier zeichnet hier den wohl ältesten Konflikt der Menschheit nach, in seinem Garten Eden, wie die Frau (großartig: Charlotte Gainsbourg) den Wald nennt, in dem alle sexuelle Verstrickung ihren Anfang hat und ihr grausames Ende nimmt.

Das alles ist mit großartigen Dialogreihen und einem verstörenden Soundtrack garniert und in ein eklektische Psycho-Universum aus Psychoanalyse, Traumdeutung und Märchenwelt eingebettet.

Bemerkenswert ist die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle: die mit Hochgeschwindigkeitskameras aufgenommenen Höllenfahrten (Dusche, Tier-Szenen, Traumsequenzen) lassen die Bilder gleichzeitig höchst ästhetisch und ebenso furchterregend wirken.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass es einige sehr explizite Szenen gibt, die für einige Skeptiker der Grund für den Verdacht der Misogynie von Triers waren. Das ist richtig, diese Szenen sind nicht schön anzusehen, tragen aber essentiell zur Entwicklung der Figuren bei.

Insgesamt bietet der Film viel für Arthouse-Fans, Psychologiestudenten und Fans des Kunstfilms (denn das hier ist beinahe einer…).

Mit Abstand einer der stärksten europäischen Filme der letzten Jahre.

Sonntag, 4. November 2012

Oscar 2012: Die Kunst zu gewinnen - Moneyball (US, 2011)

Sportfilme sind so eine Sache. Ganz wie Tanzfilme beispielsweise. Oder Musikfilme.

Es gibt immer wieder Regisseure, die sich an diese Ressorts wagen, um ihre Vielfältigkeit unter Beweis zu stellen.

So auch Steven Soderbergh, der die wahre Geschichte um den Sportmanager Billy Bean, der ein abgewracktes Baseball-Team mithilfe von unterdurchschnittlichen Spielern in die Major League führte, gut genug fand, um daraus einen abendfüllenden Spielfilm zu drehen. Dumm nur, dass ein Regisseur in Hollywood heute keine künstlerische Freiheit mehr hat. Columbia Pictures wechselte Soderbergh kurzerhand aus, denn Avantgarde ist bei solch hohen Produktionskosten fehl am Platz. Und lieber ein bisschen weniger Kunst und dafür ein bisschen mehr Gewinn an den Kinokassen.

Nun ist es doch noch ein Oscar-Film geworden. Mit tollen schauspielerischen Leistungen (das Zweiergespann Pitt/Hill stiehlt dem ganzen Schauspieler-Ensemble die Show), einer angenehmen Grundstimmung, unterhaltsamen Dialogen, ab und zu ein Witzchen. Das Originellste am Film bleibt die Realität, denn sie lieferte die Vorlage dazu.

Letztendlich wieder "nur" ein Sportfilm ohne Verve (aber mit "Werf", muhaha) aber dafür reibungslos und Hochglanz-inszeniert.

Ein amerikanischer Sportfilm eben.

Oscar 2012: Gefährten (US, 2011)

Dieser Spielberg!!
Man hat das Gefühl, dass er irgendwie mit dem Krieg nicht fertig wird.

Selbst nach Schindlers Liste, Der Soldat James Ryan, Flags from our Fathers/Letters from Iwo Jima oder Das Reich der Sonne und zahlreichen gewonnenen Filmpreisen hat der wohl (auf lange Sicht gesehen) erfolgreichste Regisseur und Produzent anscheinend immer noch nicht alles rausgelassen, was er sich über den Krieg so für Gedanken macht.

Aber es ist unfair, mich über die Vorlieben amerikanischer Filmschaffenden auszulassen, sonst bin ich Schuld, wenn die eingeschnappt sind. Pah.

Gefährten ist eigentlich auch weniger ein Kriegs- oder Antikriegsfilm, mit der Bezeichnung täte man ihm Unrecht. Nein, War Horse, so der Originaltitel, ist eher Horse als War. Tatsächlich ist hier ein Pferd der tragische Held des Krieges. Er wird vom kleinen Albert großgezogen, um den Hof zu retten, in den Krieg verkauft, ist Fluchttier für deutsche Deserteure und Haustier für ein französisches Bauernmädchen, da wird er schon in der britischen Kavallerie eingesetzt und schließlich von den Deutschen richtiggehend als Zugtier "verbraucht". Vor dieser sicheren Todesfalle entflieht er und tut, mitten auf dem Schlachtfeld einen bedeutenden Schritt Richtung Frieden. Deutschland und England geben sich die Hand.

England nimmt das Pferd mit ins Lager. Dort ist auch der kleine Albert, welcher jetzt groß ist und blind. Man sieht sich im Leben immer zweimal. Pferd und Mensch sind, wie einst, vereint. Alles ist wieder gut.

Ja, War Horse ist eine moderne Wundergeschichte wie jede andere und könnte so unendlich kitschig sein, wären da zwischen dem Zischen der Mörsergranaten nicht diese leisesten Töne, die in vergleichbaren Filmen wie Der Bär oder Der Fuchs und das Mädchen noch so deutlich zu erkennen waren: Tiere können uns manchmal sehr an uns erinnern. Wir geben ihnen Namen und reden mit ihnen in unserer Sprache. Aber manchmal sagt ein Augenaufschlag oder Hufscharren mehr als hundert Menschenworte.

Deshalb rührt die Tierkriegsfilm-Mischung an, ohne zu beschämen.

Oscar 2012: Hugo Cabret (US, 2011)

Wenn ein Buch verfilmt wird, so muss der Filmschaffende zwischen zwei Extremen wählen: entweder nämlich, das Buch dem Zuschauer sozusagen unverfälscht "vorzulesen" oder aber dem Publikum eine eigene, besser für das Medium Film, besser für die Dauer von 120 Minuten geeignete, Geschichte zu erzählen. Martin Scorsese hat sich für die erstere Variante entschieden und einen Film kreiert, der seine Herkunft nicht zu leugnen vermag. Die Handlung kommt nur ruckelig in Fahrt, die Figuren kranken an der holprigen Einführung in deren Gedankenwelt, die Dialoge sind aberwitzig, die Übersetzung fragwürdig.

Insofern nichts ungewöhnliches für eine Literaturverfilmung. Das Gemeine daran ist, dass der Zuschauer von diesen Unzulänglichkeiten abgelenkt zu werden versucht wird, nämlich mit wilden Kamerafahrten durch den Pariser Bahnhof, ja selbst durch Schlüssellöcher und Uhrwerke. Und wer jetzt sagt, er habe solche Kamerafahrten schon gesehen, zum Beispiel in Panic Room, dem schnauzt Scorsese ein einfaches "Ja, aber nicht in 3D, ätsch!" hin.
Ja, die 3D-Technik ist groß angelegt in diesem Film. Und dennoch unnötig.

Nichtsdestotrotz ist Hugo Cabret ein wichtiger Film für den Wettbewerb, denn nach einer dreiviertel Stunde Mühsal folgt, einem herzförmigen Schlüssel gleichend, die Auflösung um die Motivation einen solchen Film zu drehen:
der Film selbst.

Das letzte Drittel des Films ist eine Art Unterrichtsstunde. Fach: Filmgeschichte.

In wunderbaren Bildern erfährt der Kinozuschauer mit seiner albernen 3D-Brille auf der Nase, was Kino eigentlich bedeutet: Wirklichkeit zu verwischen und Träume zu erschaffen. Drachen, Aliens, Fabelwesen wie selbstverständlich in die Quasi-Realität zu verfrachten, all das hatten die ersten Filmemacher schon drauf.

Gut zwanzig Jahre vor dem ersten Tonfilm.
Gut siebzig Jahre vor den ersten CGI.
Gut hundert Jahre vor der digitalen Revolution der Lichtspielhäuser.

Grund genug für jeden Zuschauer, sich an die eigene 3D-Brille zu fassen.

Hugo Cabret ist ein Aufschrei gegen die Kommerzialisierung. In 3D.
Und ist damit neben The Artist eine der wichtigsten Beiträge des Wettbewerbs.

Oscar 2012: The Tree of Life (US, 2011)

Das Familienepos The Tree of Life von Terrence Malick würde sich wohl an die Spitze der nominierten Filme stellen, ginge es in diesem Wettbewerb um Prätention.

Bestimmt wird er eine der drei Goldstatuen kassieren (fast sicher diesmal für die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki, welcher sich diesmal schon zum fünften Mal über eine Nominierung freuen darf, doch wohl nie so verdient wie in diesem Fall.), jedoch reden wir bei Tree of Life von einer Geschichte, die zu groß ist für Hollywood und erst recht für diese Veranstaltung. Nämlich die einer Familientragödie über mehrere Generationen, kombiniert mit der Ontographie des Universums.

Malick startet den Versuch, jede jemals entstandene Frage des Menschheit zu stellen und lässt das Sein selbst antworten: 

Warum tötet Jack seinen despotischen Vater nicht, um seinen Ödipus-Komplex zu vervollkommnen? 
Weil irgendwann vor Jahrtausenden ein Dinosaurier den anderen verschont hat.

Warum dürfen Mr. und Mrs. O'Brien ihren ältesten Sohn nicht mehr lebend sehen? 
Weil das bei Hiob auch nicht drin war.

Der Film folgt keiner erzählerischen Struktur, ist deshalb auch dem Erzählkino der Filmmaschine Hollywood fern. Und verdient vielleicht genau deshalb die Preise.

Vielleicht ist The Tree of Life nicht der Beste Film.
Aber zumindest in diesem Rennen.

Oscar 2012: The Help (US, 2011)

Den meisten Filmen über Rassismus haftet ein zweifelhaftes Image an:
zwar schaffen sie es zumeist, eine deutliche Identifizierung mit Randgruppen zu ermöglichen und eine Verneinung eines jeglichen Chauvinismus zu produzieren.

Jedoch ermöglichen sie, aufgrund der kurzen Dauer eines durchschnittlichen Spielfilms, über eine nur mangelhafte Reflexion mit der Materie und können so das Problem und seine Entstehung nicht vollends ausführen.

So gesehen bei The Help. Man wird als Zuschauer in eine Welt gestürzt, die von vornherein von Segregation geprägt ist: schwarze Kindermädchen kümmern sich um weiße Bourgeoisie-Kinder, also die Zukunft der Sherry-trinkenden weißen Oberschicht (, welche auch ebensogut als Frauen von Stepford durchgehen könnten) und doch haben diese schwarzen Bediensteten keinerlei Rechte im Staat. Warum das so ist, wird zunächst ausgelassen, das muss der gebildete Kinobesucher aus dem Englischunterricht wissen.

Problematisch ist nur die angestrebte Zielgruppe, denn The Help schlägt ziemlich schnell eine gewisse Zielrichtung ein:
Leute zu unterhalten.
Mit (u.a.) Fäkalhumor.

Sicher muss man die (überwiegend) Schauspielerinnen für ihre Leistung schätzen, allen voran Viola Davis, Octavia Spencer und Jessica Chastain, welche auch allesamt für den Goldjungen nominiert wurden.

Sicher ein großer Spaß für Jung und Alt. Doch insofern wird sich The Help unter Umständen seiner Aussage nicht gerecht: dass man sich manchmal unter Einsatz größter Mühen für das Richtige einsetzen muss.

Ja, ein großer Spaß. Aber kein bisschen Bewältigung.

Oscar 2012: The Artist (F, 2011)

In Zeiten von Computeranimation, Bluescreen und dreidimensionalem Wahnsinn einen ganz normalen Film ohne all den Firlefanz zu drehen...
Ok, das war bei Dogma 95 auch schon so.
Aber in Zeiten der digitalen Kinokameras einen Schwarz-Weiß-Film zu produzieren, das muss doch mutig sein!
Naja, das gabs doch letzter Zeit zuhauf: Down by Law, Pi, La Haine, die Liste ist endlos.
Nein, selbst Schwarz-Weiß ist nicht mehr genug! Die letzte Bastion des modernen Films ist der Ton. Der "Talkie" (Analogismus zu "Movie") ist zur Gewohnheit geworden. Wir lieben es, von einem Film mit Aug und Ohr entführt zu werden.

Genau das hält George Valentin für groben Unfug. Valentin ist Stummfilm-Star. Ein Fred Astaire auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Da kommt der Tonfilm und versucht, ihm Angst zu machen. Er macht ihm Angst.

The Artist erzählt eine liebevolle Geschichte von der Entstehung des Films wie wir ihn kennen und wie er Stummfilm-Legenden wie Charlie Chaplin empört hat.

Wohl der wichtigste Film der großen Kategorien. Allein schon wegen des Experiments, dem Dolby-Surround-verwöhnten Publikum einmal etwas härtere Kost vorzusetzen:
den Film als etwas zu definieren, was man zunächst sehen muss um es zu verstehen.

George Valentin hat in einer essentiellen Szene des Films einen Alptraum, in welchem sich sein Leben plötzlich wie ein Tonfilm anfühlt.

Der Effekt auf den Zuschauer ist der, dass er sich selbst über die Geräusche wundert.
Wenn das keine Leistung ist, was dann?

Shame (UK, 2011)

Brandon ist um die 30, attraktiv, beruflich erfolgreich und vor allem eines: sexsüchtig.
Sein ganzes, schönes, freies Junggesellen-Leben ist von dieser Sucht beeinflusst: Seine Browser-Startseite ist ein Sexchat, die Toilette am Arbeitsplatz ein gelegener Platz zum Onanieren, seine längste, ernsthafte Beziehung dauerte 4 Monate.
Doch dass nicht alles schön ist und Brandon nicht frei, ist bald klar. Spätestens, als seine Schwester Sissy plötzlich in der Dusche steht und ihrem "liebenden" Bruder verkündet, dass sie ab sofort bei ihm wohnt, weil ihr Mann sie rausgeschmissen hat. So weit, so schlecht.
Sissy macht es ihrem Bruder nicht leicht: sie beschämt ihn durch Porno-Funde, lernt seine, stets leicht bekleidete, Chat-Bekanntschaft kennen und überrascht ihn beim Masturbieren im Bad. Sie macht ihm keine Vorwürfe.
Als Sissy jedoch mit dem Chef ihres Bruders eine Liebelei anfängt, wird Brandon zum ersten Mal vor die Wahl gestellt: soll er sich treu bleiben oder endlich einmal Verantwortung übernehmen?

Shame ist das Psychogramm eines Hypersexuellen, der sich in einer übersexualisierten Welt zurechtfinden muss. Dies geschieht z.T. mit fragwürdigen dramaturgischen Wendungen, wenn Brandon beispielsweise eine Abfuhr im Heteroclub durch einen Besuch im Homoclub kompensieren muss (und diesen Fehltritt (?) wiederum durch eine gleich darauf folgende Hetero-Orgie wegkopuliert).
Shame bleibt nichtsdestotrotz stets brilliant inszeniert. Neben dem unvergesslichen Soundtrack kann ohne Zweifel das größte handwerkliche Lob hierbei vor allem an McQueens Kameramann Sean Bobbitt vergeben werden, der die Geschehnisse gekonnt in Werbefilm-Ästhetik packt und den Zuschauer im Innersten berührt und ihn gleichzeitig davor bewahrt, Voyeur zu werden.

Steve McQueen besetzt mit Michael Fassbender seinen Protagonisten nach dem IRA-Drama Hunger (2008) erneut goldrichtig.

Carey Mulligan gibt geradezu anbetungswürdig die Rolle der Sissy, die das "New York, New York" so wie noch keine zuvor singt und damit selbst ihren, ihr fremd gewordenen, Bruder erschüttert.

Samstag, 3. November 2012

Absolute Giganten (D,1999)


Wenn es in unserer Gesellschaft etwas gibt, was von annähernd jedem Menschen ausnahmslos verachtet, verpönt und gemieden wird,
wenn es etwas gibt, bei dessen Nennung jedermann zusammenzuckt,
wenn es etwas gibt, was einem einen Schauer (der unangenehmeren Art) über den Rücken jagt,

...so kann es sich ausschließlich um den neuen deutschen Film handeln.

Wer diese Annahme bejaht, sollte sich das Debutwerk aus der Hand von Sebastian Schipper, Absolute Giganten, zu Gemüte führen. Selbst, wenn man sich durch Gestalten wie Til Schweiger und Veronica Ferres stets abgestoßen fühlt bzw. noch nie mit dem Gedanken spielte, eine DVD aus deutschen Filmschmieden zu kaufen, den straft dieser Film von 1999 Lügen.

Floyd (Frank Giering, †2010) hat seine Bewährungsstrafe ausgesessen und will Hamburg verlassen. Seine besten Freunde Ricco (Florian Lukas) und Walter (Antoine Monot Jr.) finden das nicht so gut und überreden Floyd zu einer letzten, ausschweifenden Nacht. Innerhalb weniger Stunden feiern die drei Freunde die ganze Bandbreite eines Großstadtlebens.

Zugegeben: die absoluten Giganten bestechen nicht durch eine komplexe Handlung. Allein die Machart des Films, die Großstadtromantik beispielsweise des Hamburger Hafens in den frühen Morgenstunden und letztendlich die schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller (hysterisch gut: Florian Lukas als axelsteinender Möchtegern-Rapper) fesseln den Zuschauer an die Eskapaden der Freunde fürs Leben.

Hervorzuheben ist die Kameraarbeit von Frank Griebe, dem Haus-Kameramann von Kollegen Wortmann und Tykwer (letzterer war hier auch als Produzent tätig). Atemberaubend sind vor allem die Kameraeinstellungen und -fahrten bei einem der Höhepunkte der Nacht: dem finalen Kickerspiel gegen Kickermeister Snake (als Prolet großartig: Jochen Nickel).

Ebenso bleibt einem der eindrückliche Soundtrack im Gedächtnis: mit ausgewählten Stücken der Bands Sophia und The Notwist gräbt der Film sich dem Zuschauer und -hörer unmissverständlich ins Herz. Entkommen ist da fast schon zwecklos.

Trotz geringer Länge (~70 Minuten) steht Absolute Giganten mit Sicherheit als einer der größeren deutschen Filme in der Filmlandschaft, leider bisher kaum oder nur unzureichend honoriert. Wahrscheinlich aufgrund fehlender Zugpferde, ein Faktor, der leider immer wichtiger wird, wenn man Beachtung für seine Kunst möchte.

Wer die Melancholie eines Jarmusch-Films und die Absurditäten eines Tarantino-Streifens liebt, wem also Sebastian Schippers Arbeit gefällt, dem sei auch sein nachfolgender Film Ein Freund von mir ans Herz gelegt.

Der hat mit Jürgen Vogel und Daniel Brühl zumindest seine Zugpferde gefunden.

gruß

Werter Leser!
Hier werde ich meine gesammelten Rezensionen zusammentragen und ggf. neue hinzufügen.
Ferner sollen Materialien herbeigeschafft werden zur weiteren Beschäftigung mit den Werken.
Doch inwiefern, in welcher Form und welchem Maße etc., das weiß der Verfasser selbst noch nicht.
Abwarten!