Freitag, 30. November 2012

Werkschau Christoph Schlingensief - Menu Total (D, 1985/86)

Der zweite Film, Menu Total, war mein erster Kontakt mit Christoph Schlingensief.
Damals, ich muss so 16 Jahre alt gewesen sein, ließ ich mich von der DVD-Beschriftung "mit: Helge Schneider" beeindrucken und kaufte blind ein.
Meine erste Reaktion könnte man mit "blankem Entsetzen" umschreiben. Ich erkannte den trockenen Jazz Schneiders, die dazu gelieferten Bilder konnte ich jedoch nicht einordnen. Nach 25-30 Minuten Film ergab sich bei jedoch mir ein Gefühl von Verständnis, ja, selbst ein Gefühl des Genusses stellte sich ein. Meine Freude am Konfliktfilm war geboren. Helge hatte mich dazu überredet, Alfred Edel die Leibesertüchtigung geleistet und Christoph Schlingensief dabei die Hebamme gespielt.

Zur Handlung (sofern ich das verstanden hab):
Joe (Helge Schneider) hat es nicht leicht: sein Vater (Joe Bausch, ja, derselbige) missbraucht ihn und seine tetraplegische Mutter regelmäßig, seine Großeltern (u.a. Anna Fechter) handeln mit obskurem, pulsierendem (Menschen?-) Fleisch und seine Freundin Evi (Volker Bertzky, der, wie immer, mit struppigem Vollbart spielt,) geht fremd. Joe rebelliert gegen diese Welt und wird zu Dr. de Pen (Dietrich Kuhlbrodt) überstellt, welcher sogleich, gemeinsam mit Kollegen Cuca (Alfred Edel) abstrakte Versuche an ihm durchführt.
Ganz klar: Joe wird größenwahnsinnig, redet nur noch im Stil des Führers, rettet Evi und bringt die ganze, verkommene Familie um. Sind eh alles Nazizombies mit Gammelfleisch-Fetisch.
Letztendlich: Happy End!

Zum zweiten Mal und wie so oft auch in den folgenden Filmen darf man die schauspielerische Leistung Alfred Edels loben. Mit solchem Körpereinsatz haben sich die wenigsten renommierten Schauspieler in mein Gedächtnis gekotzt. Als nicht ganz so stark wie Edel erachte ich die Leistung des erstmalig auftretenden Dietrich Kuhlbrodts, welcher allerdings in nachfolgenden Werken seine Stärken zeigen wird.

Was an Menu Total so beeindruckt ist die intensive Behandlung der etlichen Komplexe, die dem jungen Schlingensief hier beachtenswert erscheinen: Nazi-Vergangenheit und Krieg, Jugendwahn, deutsches Kino, Kannibalismus, etc. Selbst die bürgerliche Nachkriegs-Dekadenz geht nicht unbefangen aus diesem deutschen Unsittengemälde hervor.

Vater Schlingensief war bei der Premiere tief erschüttert. Und Wim Wenders hat nicht mal eine Viertel Stunde ausgehalten. Trotzdem ists wohl einer von Schlingensiefs Besten.
Einfach, weil er's wagt.


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