Samstag, 3. November 2012

Absolute Giganten (D,1999)


Wenn es in unserer Gesellschaft etwas gibt, was von annähernd jedem Menschen ausnahmslos verachtet, verpönt und gemieden wird,
wenn es etwas gibt, bei dessen Nennung jedermann zusammenzuckt,
wenn es etwas gibt, was einem einen Schauer (der unangenehmeren Art) über den Rücken jagt,

...so kann es sich ausschließlich um den neuen deutschen Film handeln.

Wer diese Annahme bejaht, sollte sich das Debutwerk aus der Hand von Sebastian Schipper, Absolute Giganten, zu Gemüte führen. Selbst, wenn man sich durch Gestalten wie Til Schweiger und Veronica Ferres stets abgestoßen fühlt bzw. noch nie mit dem Gedanken spielte, eine DVD aus deutschen Filmschmieden zu kaufen, den straft dieser Film von 1999 Lügen.

Floyd (Frank Giering, †2010) hat seine Bewährungsstrafe ausgesessen und will Hamburg verlassen. Seine besten Freunde Ricco (Florian Lukas) und Walter (Antoine Monot Jr.) finden das nicht so gut und überreden Floyd zu einer letzten, ausschweifenden Nacht. Innerhalb weniger Stunden feiern die drei Freunde die ganze Bandbreite eines Großstadtlebens.

Zugegeben: die absoluten Giganten bestechen nicht durch eine komplexe Handlung. Allein die Machart des Films, die Großstadtromantik beispielsweise des Hamburger Hafens in den frühen Morgenstunden und letztendlich die schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller (hysterisch gut: Florian Lukas als axelsteinender Möchtegern-Rapper) fesseln den Zuschauer an die Eskapaden der Freunde fürs Leben.

Hervorzuheben ist die Kameraarbeit von Frank Griebe, dem Haus-Kameramann von Kollegen Wortmann und Tykwer (letzterer war hier auch als Produzent tätig). Atemberaubend sind vor allem die Kameraeinstellungen und -fahrten bei einem der Höhepunkte der Nacht: dem finalen Kickerspiel gegen Kickermeister Snake (als Prolet großartig: Jochen Nickel).

Ebenso bleibt einem der eindrückliche Soundtrack im Gedächtnis: mit ausgewählten Stücken der Bands Sophia und The Notwist gräbt der Film sich dem Zuschauer und -hörer unmissverständlich ins Herz. Entkommen ist da fast schon zwecklos.

Trotz geringer Länge (~70 Minuten) steht Absolute Giganten mit Sicherheit als einer der größeren deutschen Filme in der Filmlandschaft, leider bisher kaum oder nur unzureichend honoriert. Wahrscheinlich aufgrund fehlender Zugpferde, ein Faktor, der leider immer wichtiger wird, wenn man Beachtung für seine Kunst möchte.

Wer die Melancholie eines Jarmusch-Films und die Absurditäten eines Tarantino-Streifens liebt, wem also Sebastian Schippers Arbeit gefällt, dem sei auch sein nachfolgender Film Ein Freund von mir ans Herz gelegt.

Der hat mit Jürgen Vogel und Daniel Brühl zumindest seine Zugpferde gefunden.

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