Rolf (Matthias Colli) und Tina (Irene Fischer, bekannt aus der Lindenstraße) sind ein junges Paar auf der Reise durch Norwegen. Als ihnen ein mysteriöser Tankwart (wie immer hysterisch: Volker Bertzky aka. Sergej Gleithmann) Benzin verweigert, beginnt die Odyssee der Beiden: sie übernachten bei einem traumatisierten Waisenkind (Norbert Schliewe), welcher, zusammen mit seiner Eule, den örtlichen Seelsorger und Major Pater Hilf (Christoph Schlingensief) mit seinem Auto überfährt.
Geschockt verlassen Rolf und Tina die Gegend, nur um von einer Forschergruppe aufgenommen zu werden. Mangels Benzin bleibt es bei der Notlösung: man wird Teil eines Experiments und hilft, wo man kann.
Bei den dreien handelt es sich um Filmforscher. Und die Frage nach der Befindlichkeit des Menschen wird beantwortet, indem man Eingeborene (das Waisenkind Norbert kommt da leider nur zu gelegen) zum Wahnsinn foltert. Und zwar mit deutscher Avantgarde.
Ein Entkommen: unmöglich. Eine Lösung: gibt es nicht.
Wahrscheinlich ist, dass beim Fertigstellen von Tunguska eine große deutsche Filmvergangenheit bewältigt werden sollte: der Heimatfilm, der politische, zuweilen ideologische Film, selbst das abstrakte Dadaismus-Kino werden allesamt aufs Korn genommen. Das Forscherteam, bestehend aus Anna Fechter, dem großartigen Alfred Edel und der kuhlbrodteske Vladimir Konetzny, sieht sich als Bastion des europäischen Intellektualismus und quält den unwissenden Pechvogel. Dies ist, so Schlingensief im Interviewfilm von Frieder Schlaich (2004), ein Seitenhieb gegen den Elitarismus-Gedanken der Avantgarde-Szene rund im Werner Nekes. Einen Chauvinismus, der es nicht zuließ, eine Geschichte angemessen zu erzählen. Und dementsprechend zerstörerisch ist dann auch der Avantgardefilm, mit dem Norbert gequält wird. So zerstörerisch, dass nicht einmal das Material es erträgt. Immer wieder und immer öfter: brennende Filmstreifen, Kratzer im Bild, Bildsprünge, kreischende Tonspuren. Die Dekonstruktion des deutschen Kinos hat sich selbst herbeigeführt. Sie ist geboren aus jahrelangem cineastischem Unsinn und elitärer Soße.
Schlingensief hat für diesen Punkt im Zeitstrahl der deutschen Filmgeschichte ein Konzept, einen Namen gefunden.
Für ihn ist es der "Film als Neurose."
Tunguska stellt den großartigen Beginn einer Filmographie dar, die in der deutschen Kinokultur dasteht wie keine andere.
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