Donnerstag, 15. November 2012

Blood Simple (US, 1984)

Wenn man sich zu der Coen-Brüder-Fangemeinde zählt, kann man sich nicht beklagen, denn Joel und Ethan Coen schaffen es wie kaum ein anderer Regisseur, immer und immer wieder den Zuschauer dort abzuholen, wo er steckt: in der Ödnis, die sich "Realität" nennt. Aber warum?

Mit dieser Frage sollte man sich spätestens nach "Fargo"(1996) auseinandergesetzt haben, aber lieber vielleicht noch mit dem Erstlingswerk.

Die Handlung ist schnell erklärt und doch nicht.

Abby verlässt ihren Mann Marty und beginnt eine Liebesbeziehung mit Ray, einem Mitarbeiter in der Bar ihres Mannes. Marty heuert einen Privatdetektiv an, der die beiden für 10.000$ elegant um die Ecke bringen soll.
Mit gefälschten Beweisphotos kreuzt der Detektiv bei Marty auf, kassiert das Geld und erschießt Marty mit Abbys Revolver. Aus lauter Selbstsicherheit vergisst er sein Feuerzeug am Tatort.
Ray entdeckt den erschossenen Marty und Abbys Revolver und glaubt natürlich, dass sie die Mörderin des ungeliebten Tyrannen sei. Er lässt den nicht ganz so toten Marty aus Liebe zu Abby verschwinden und zieht somit die Angst des Privatdetektiven, erwischt zu werden, auf sich und Abby.

"Blood Simple" hat als grandioses Debut der Meister des Makabren schon alles, was "Fargo", "The Big Lebowski"(1998) oder "A Serious Man"(2009) zu solchen unvergesslichen Filmen macht: liebenswürdige Charaktere, eine unerhörte Begebenheit und die unvergleichliche Macht des menschlichen Missverständnisses (und dabei geht es nicht nur um das Missverständnis von Menschen untereinander sondern eher das Misverständnis menschlichen Zusammenlebens).

Speziell bei "Blood Simple" hat der Zuschauer die besondere Rolle, alles im Voraus zu wissen. Und der Zuschauer schmunzelt über das Missverständnis, er grübelt über das Verhalten der Protagonisten und er hält sich die Augen zu, wenn Ray einen riesigen Fehler begeht. Oder Marty. Oder Abby. Oder Ray schon wieder.

Auch mit dem tyrannischen Marty und seiner Unfähigkeit sich zu artikulieren (und zwar einerseits seine Wut auf Ray und Abby und andererseits physisch in seiner letzten Szene, wenn er den Irrtum aufdecken könnte) fühlt man mit. Weil man erkennt, dass er den Despoten im Blut hat. Er kann nicht anders, schmeißt mit Geld um sich und wundert sich, dass er das Nachsehen hat. Ein schusseliger Schurke, das gibt es nur bei Ethan und Joel. Und dann merkt man auch, dass er nicht der Schurke ist. Vielmehr ist es der Detektiv.
Und wenn es nach den Coen-Brüdern ging, würden sie wohl sagen: der wahre Schurke des Films ist das Geld, das er dem Detektiv anbietet. Und Geld generell.

Von filmischen Kniffen behalten sich die Coens nur das Nötigste vor: ein paar mühsam eingefügte Magic Cuts waren wohl das nötige Soll, um international anerkannt zu werden. Nein, darum geht es diesen Filmemachern nicht.

Im Gegenteil: sie entlarven sogar noch die Medien als Fälschung der Realität und vielleicht, und das wäre noch interessanter, als Katalysator für Gewalt.

Schließlich führen erst die gefälschten Beweisphotos zur Tötung von Marty. Zwar durch den Schaffer der Medien selbst, aber das macht die Betrachtung nicht minder brisant.

Abschließend gilt es noch, eine "Warnung" für Coen-Neulinge auszusprechen:

"Blood Simple" ist oftmals fast unerträglich makaber, zum Ende hin beinahe schmerzhaft spannend und von vorne bis hinten Anlass für den Zuschauer, aufzustehen und zu rufen: "MACHS NED, DU DEPP!"

Für Coen-Fans jedoch ist gerade das der Grund, "Blood Simple" zu lieben.

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